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Reiseberichte Argentinien Chile

Von Alaska bis Feuerland…wir haben es geschafft! (#074)

21. Januar 2024

– Am Ende des Jahres am Ende der Welt –

Es ist der 22. Dezember 2023 als wir die chilenische Stadt Punta Arenas erreichen. Zum Jahresende sind wir mit anderen Reisenden, die im Laufe dieses Abenteuers zu Freunden geworden sind, in Ushuaia verabredet. Ushuaia ist tatsächlich die südlichste Stadt der Welt und somit auch das Ende „unserer“ Panamericana. Momentan liegen noch rund 630 Kilometer, ein Grenzübergang und eine Fährübersetzung zwischen uns und Ushuaia.

Aber eins nach dem Anderen…

In Punta Arenas gibt es so vor Weihnachten noch einiges zu erledigen. So bringen wir unsere Wäsche in den Waschsalon und hoffen, dass wir sie rechtzeitig, vollzählig und nicht zu klein oder kaputt (die Waschmaschinen und Trockner sind hier so eine Sache) wiederbekommen. Dann heißt es für die Weihnachtstage einzukaufen und natürlich sind wir da nicht die Einzigen mit diesem Vorhaben. Danach geht es für uns in einen Baumarkt, weil unsere Freunde kurz vor Ushuaia liegengeblieben sind und es vermutlich nur an einer kleinen Schraube liegt. Anschließend erreichen wir einen Campingplatz, der wie so oft in diesem Jahr eigentlich eher einem Garten eines Privathauses gleicht. Bei diesem Exemplar darf man die Dusche in einem der Hostelzimmer benutzen, da gerade allerdings alle Zimmer belegt sind, heißt das für uns keine Dusche…was wir allerdings erst am nächsten Morgen erfahren.

Es ist der 23. Dezember 2023 und unser „Duschproblem“ (was nicht wirklich eines ist, weil wir zur Not auch immer noch im Wagen duschen können) lösen wir, indem wir spontan die Nasszellen einer kleinen und etwas in die Jahre gekommenden Trucker-Raststätte nutzen. Zwar klebt ordentlich der Schimmel an den Wänden, aber dafür ist die Dusche heiß, hat nur selten Temperaturschwankungen und der Wasserdruck stimmt dieses Mal auch. Da haben wir auf dieser Reise schon „schlimmer“ geduscht. Als nächstes wartet unsere Wäsche darauf von uns aus dem Salon abgeholt zu werden und das klappt zum Glück reibungslos. Sollten einige Kleidungsstücke zu eng sein, liegt das eventuell eher an den vor uns liegenden Weihnachtstagen als an dem zu heißen Trockner.

Bevor wir Punta Arenas verlassen, besuchen wir an diesem Tag noch das Museo Nao Victoria (Schiffsmuseum). Dort finden wir die originalgroßen Nachbauten von derzeit drei Schiffen, die zur Entdeckung der Region oder der Kolonisierung des Gebietes beigetragen oder die eine besondere patrimoniale oder historische Bedeutung für die Region Magallanes (Chile) haben. Wir befinden uns hier nämlich gerade an der Magellanstraße. Aber was ist das überhaupt?

Quelle: Wikimedia NordNordWest

Die Magellanstraße ist eine Meerenge mit zahlreichen Inseln und Seitenarmen zwischen dem südamerikanischen Festland und südlichen Inseln, vornehmlich der Insel Feuerland. Sie verbindet nördlich der Südspitze Südamerikas den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean. Der Portugiese Ferdinand Magellan, der 1519 im Dienste der spanischen Krone als Kommandant einer Schiffsflotte zu einer Ostasien-Expedition aufgebrochen war, fand 1520 diese Durchfahrt. Ein schwerer, mehr als einen Tag anhaltender Sturm trieb zwei seiner Schiffe in eine Bucht, die sich schließlich als Durchfahrt vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean erwies. Waren zuvor noch viele Schiffe auf der Kap Hoorn Route aufgrund der stürmischen See auf der Drake Passage gesunken, konnte von jetzt an die wesentlich kürzere und geschütztere Route über die Magellanstraße genommen werden. Ihre größte Bedeutung hatte die Magellanstraße vor dem Bau des Panamakanals, aber auch heute noch wird sie von vielen Schiffen befahren.

In dem Museum finden wir den Nachbau der Nao Victoria. Die Nao Victoria war ein 27 Meter langes und 7 Meter breites Schiff. Sie war Teil der von Magellan befehligten Flotte, die den nach ihrem Kommandanten benannten Seeweg durch den amerikanischen Kontinent entdeckte, und sie war zudem das einzige seiner fünf Schiffe, das die erste Weltumseglung vollendete. Des weiteren gehörte sie zu den ersten Schiffen, die die Region (Patagonien, Cabo Vírgenes, die Magellanstraße, Feuerland und der Pazifische Ozean) im Jahr 1520 erforschte und hatte dadurch auch Anteil an der Entdeckung Chiles. Die Nao Victoria ist daher eins der berühmtesten Schiffe in der Weltgeschichte der Seefahrt.

Als zweites Schiff finden wir die HMS Beagle vor. Die HMS Beagle war eine Brigg der Britischen Marine. Nach mehreren Missionen in England am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde sie zum Forschungsschiff umgerüstet. Von ihren drei Reisen war die berühmteste die zweite, auf der sie sich unter dem Kommando von Kapitän Fitz Roy und mit dem jungen Charles Darwin an Bord fast drei Jahre in der Region aufhielt.

Auch ein etwas kleineres Schiff ist mit von der Partie…der Ancud. Der „Schoner Ancud“ war das Schiff, das auf Befehl des chilenischen Präsidenten Manuel Bulnes Prieto im Jahr 1843 zur Inbesitznahme der Magellanstraße für Chile beitrug. Wenn man sich dieses kleine Schiff im Gefecht auf diesem großen Gewässer und unter diesen klimatischen Bedingungen vorstellt, dann war das sicherlich kein „Zuckerschlecken“.

Dann ist es an der Zeit Punta Arenas zu verlassen, denn vor Weihnachten wollen wir ja schließlich noch an den Stellplatz gelangen, den wir uns herausgesucht haben. Und wo ist dieser Stellplatz? Genau…direkt an der Magellanstraße! Das muss hier ja auch einfach sein! Was zusätzlich heute noch sein muss, ist ein weiterer kleiner Abstecher…und zwar zum südlichsten Punkt des amerikanischen Kontinents, den man mit dem Auto befahren kann ohne mit einer Fähre überzusetzen. Das Wetter lässt mit Schneeregen zwar zu wünschen übrig (wir haben hier Sommer wohlbemerkt), aber da sind wir nun am Ende dieser besagten Straße…und wir sind nicht die Ersten, wie man an dutzenden Touristen-Aufklebern unschwer erkennen kann. Und auch ein anderer Zeitgenosse schaut vorbei…

Jetzt heißt es unseren Stellplatz für die Feiertage zu finden. Zum Glück ist dieser nicht weit, liegt er doch genau an dieser besagten Schotterstraße. Zwischen Wald und Magellanstraße befinden sich immer wieder kleine Ausbuchtungen an denen man frei und allein stehen kann. Schnell werden wir fündig und erwischen einen für uns perfekten Platz. Wir stehen windgeschützt in der Natur mit Blick auf das Meer…nun kann Weihnachten kommen!

Während wir die letzten Weihnachtsfeiertage noch in kurzen Hosen im warmen Mexiko verbracht haben, so machen wir es uns nun ganz nach „Kanada-Manier“ bei 8 Grad und Regen in Sprinti gemütlich. Wir kochen uns leckeres Essen, genießen bei Kerzenschein einen köstlichen Rotwein aus der Gegend, telefonieren mit unseren Familien zu Hause und schauen tatsächlich mal Weihnachtsfilme. Sehr gemütlich, sage ich Euch!

Und am zweiten Weihnachtstag präsentiert sich die Magellanstraße in ihrer schönsten Pracht…das Wasser glitzert im Sonnenschein, der Himmel ist blau und Delfine schwimmen umher. Was will man mehr?!

Am 27. Dezember ist es für uns an der Zeit diesen schönen Platz zu verlassen, denn noch haben wir das Ziel unserer Reise nicht erreicht. Morgen sind wir mit Freunden in Ushuaia verabredet und das heißt, es liegen noch 700 Kilometer, eine Fährüberfahrt und ein Grenzübergang vor uns. Also los geht’s! Zuerst legen wir nochmal einen Zwischenstopp in Punta Arenas und statten „unserer“ Trucker-Raststätte einen erneuten Besuch ab.

Auf unserem Weg weiter Richtung Feuerland kommen wir an dem teils verlassenen Ort San Gregorio und seinen alten Schiffswracks aus dem 19. Jahrhundert vorbei, bei denen wir kurz Halt machen. Die Betonung liegt hier auf „kurz“, denn der Wind zeigt heute wieder was er kann und bläst uns mit voller Wucht Sand und Staub ins Gesicht.

Dann erreichen wir “Punta Delgada Estrecho De Magallanes”, kurzum die Ablegestelle, an der die Fähre die Magellanstraße überquert. Mir fällt gerade auf, dass es in diesem Artikel ganz schön viel um Schiffe geht…tja, so ist das hier fast am Ende der Welt! Hatte ich schon erwähnt, dass es windig ist? Und zwar so extrem, dass die Fähre nicht fahren kann. Es herrschen Windgeschwindigkeiten von über 80 kmh und wir sehen aus der Ferne, wie das Schiff immer wieder versucht anzulegen, aber jedes Mal abgetrieben wird. Wir stehen mit Sprinti in einer langen Warteschlange, neben uns große LKWs, die zwar viel Wind abhalten, aber dennoch schaukelt Sprinti so extrem, dass uns beim Kochen fast das Wasser aus dem Topf schwappt. Nach den Bildern von durch den Wind umgekippten Fahrzeugen hier im Süden des Kontinents, hoffe ich nicht, dass uns hier so etwas auch noch blüht! So warten wir Stunde um Stunde und der Wind scheint sich nicht zu beruhigen. Langsam dämmert es. Hoffentlich müssen wir nicht über Nacht hier stehen bleiben und kommen dann eventuell nicht pünktlich in Ushuaia an! Das Positive daran ist, ich nutze die Zeit und schreibe für Euch. So warten wir tatsächlich geschlagene 7 Stunden lang. Dann endlich tut sich etwas…die Fähre kann anlegen! Als wir mit Sprinti an der Reihe sind um verladen zu werden, sehen wir wie die Fähre immer wieder droht abzutreiben und die Rampe diverse Male den Bodenkontakt verliert. Wasser schwappt immer wieder über die Rampe. Aber es klappt…wir sind mit Sprinti auf dem Schiff! Die See ist rauh und wir schaukeln ordentlich hin und her. Nach rund 20 Minuten (ja, richtig gelesen…nur 20 Minuten!) erreichen wir die andere Seite und können das Schiff mit Sprinti wieder verlassen. Nun sind wir in Feuerland! Wir fahren nur noch den nächsten Ort an und stehen dort auf einem öffentlichen Platz der Gemeinde. Wie uns geht es vielen anderen Reisenden und so sind wir nicht die Einzigen, die im Dunkeln hier eintreffen und nur noch ihr Nachtlager aufschlagen.

Nun sind wir tatsächlich in Feuerland und haben das erste Ziel unserer Reise „Von Alaska bis Feuerland“ erreicht. Yippieh! Aber was ist Feuerland eigentlich? Feuerland („Tierra del Fuego“) ist eine Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas. Vom Festland ist sie durch die Magellanstraße getrennt. Feuerland wurde 1881 in einen östlichen Teil für Argentinien und einen westlichen Teil für Chile aufgeteilt. Im argentinischen Teil leben etwa 127.000 Menschen und im chilenischen Teil nur etwa 8000. Bei der Erkundung der Magellanstraße 1520 fanden Ferdinand Magellan und seine Männer im Norden keine Siedlungen, doch im Süden der Meerenge sahen sie des Nachts vom Schiff aus viele Feuer. Magellan habe das Land daher „Feuerland“ genannt. Und hier sind wir nun…in Feuerland! 🙂

Es ist der 29. Dezember, heute Abend ist das Wiedersehen mit unseren Freunden und es liegen noch rund 400 Kilometer und ein Grenzübertritt vor uns. Also machen wir uns schon früh wieder auf den Weg. Das Gute ist, dass wir mit Sprinti ja auch immer schnell vorankommen…wenn nicht wieder irgendetwas dazwischenkommt. Aber heute läuft es gut. So ist auch der Grenzübergang von Chile nach Argentinien an diesem Tag kein Problem…alle stecken wohl noch im Weihnachtsmodus.

Dann ist es soweit…bei Schneeregen und eisigem Wind (wiedereinmal beneiden wir nicht die Fahrradtouristen, die hier unterwegs sind) überqueren wir den letzten Pass und erreichen dann…

…Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt!

Wir haben es geschafft! Hoch oben vom arktischen Ozean sind wir nun hier am südlichsten Punkt des amerikanischen Kontinents…nach 71.731 Kilometern sind wir am Ende der Welt angekommen!

Nun heißt es noch schnell einzukaufen, etwas zu essen und Wasser aufzufüllen…und als das geschafft ist, fahren wir zum Airbnb, in dem sich unsere Freunde Zach und Rhuta eingemietet haben. Ein schnuckeliges kleines Holzhäuschen mit Kamin und toller Sicht auf Ushuaia. Dort treffen wir auch Judith, Arthur, Shelly und Franklin wieder, die nun auch alle dieses Ziel gemeistert haben. So verleben wir einen richtig schönen Abend zusammen.

Am nächsten Tag steht noch eine kleine letzte Etappe an. Unweit von Ushuaia endet nämlich auch „unsere“ Panamericana und da müssen wir natürlich hin! Und dann ist auch das vollbracht! Danke Sprinti!!!

Die nächsten Tage nutzen wir in Ushuaia, um die Stadt zu erkunden und um noch einiges zu erledigen….

Dabei übernachten wir auf Parkplätzen mitten in der Stadt. Gesellschaft bekommen wir dabei von vielen anderen Campern. Langweilig wird es einem hier übrigens nicht, wenn Jungendliche nachts gerne die Lautstärke ihrer Motorräder testen (so ganz ohne Schalldämpfer), direkt hinter Sprinti auf nur einem Rad ihre Pirouetten drehen oder nebenan eine Disco die Musik aufdreht. Also Augen auf bei der Parkplatzwahl! 🙂

Dann ist der 31. Dezember 2023 und nach einigen Erledigungen treffen wir uns wieder mit Shelly bei Zach und Rhuta im Airbnb. Wir sitzen gemütlich am Kaminfeuer und lassen 2023 noch einmal Revue passieren. Peter und ich haben in diesem Jahr 16 Länder, 234 Städte und 728 Orte besucht. Wir haben dabei die unterschiedlichsten Kulturen und Lebensweisen kennengelernt. Viele davon haben uns begeistert, manche auch wahnsinnig gemacht. Wir haben in diesem Jahr quasi 1,3 Mal die Erde umrundet und die Schönheit der Amerikas (Nord-, Mittel- und Südamerika) bestaunt. Wir sind beeindruckt von der Natur mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt und durften mit eigenen Augen erkennen, wie kostbar, aber auch fragil dieser einzigartige Planet ist. Wir sind unendlich dankbar für dieses Jahr 2023 und werden es, wie auch schon 2022, immer besonders im Herzen behalten.

Peter und ich wünschen Euch allen (wenn auch ein wenig verspätet) ein wundervolles 2024 und senden die allerliebsten Grüße…wo auch immer Ihr gerade auf der Welt unterwegs seid!

Reiseberichte Argentinien Chile

Patagonien (#073)

14. Januar 2024

– Von Bariloche bis zum Torres del Paine Nationalpark –

Patagonien ist eine recht ausgedehnte Region, die sich über einen Großteil der Südspitze Südamerikas erstreckt und von den Anden durchzogen wird. Der zu Argentinien gehörende Teil Patagoniens ist durch trockene Steppen, Graslandschaften und Wüsten geprägt, im chilenischen Teil finden sich Gletscherfjorde und Regenwälder der gemäßigten Zone. Oftmals wird auch das südlich der Magellanstraße gelegene Feuerland zu Patagonien gerechnet. Patagonien hat eine Größe von 1.061.000 km², ist dabei allerdings sehr dünn besiedelt. Die mittlere Bevölkerungsdichte liegt bei etwa zwei Einwohnern pro Quadratkilometer, in Santa Cruz sogar unter einem Einwohner pro Quadratkilometer. Der Name Patagonien geht auf den portugiesischen Entdecker Ferdinand Magellan zurück. Er gab den einheimischen Tehuelche-Indianern, denen er während seiner Überwinterung im Jahre 1520 in der Region Feuerland begegnete, wahrscheinlich aufgrund ihrer großen Statur den Namen „Patagones“. Hierbei lehnte er sich an eine fiktive Gestalt, den Riesen Pathagón aus den Novelas de Caballería (einer Sammlung von Rittergeschichten), an. Für uns ist klar, Patagonien wird uns mitunter die spektakulärsten Landschaften unserer Reise bescheren, daher sind wir umso gespannter all das zu entdecken. Auf geht’s durch Patagonien!

Als erstes erreichen wir auf der argentinischen Seite Patagoniens die Stadt Bariloche. Sie liegt am Nahuel Huapi, einem großen Gletschersee inmitten der Anden. Bariloche ist für seine alpenländische Architektur nach Schweizer Vorbild und seine Schokolade bekannt…ja, das klingt doch schon mal ganz vielversprechend! Wir finden einen schönen Campingplatz und erkunden tagsüber die Stadt.

Schnell stellen wir fest, wofür Patagonien ebenfalls bekannt ist…Wind! Patagonien befindet sich im Bereich der Westwindzone so wie wir in Mitteleuropa auch. Da es auf der Südhalbkugel kaum Landmassen gibt, die die Winde bremsen, wehen diese viel stärker als bei uns. Die Westwindzone zwischen 40 und 50 Grad südlicher Breite wird daher auch als „Roaring Forties“ (Donnernde Vierziger) bezeichnet. Der Westwind ist in Patagonien das ganze Jahr über kräftig, die höchsten Windgeschwindigkeiten werden im Sommer (Dezember bis Anfang März) gemessen. Ja, alles klar…wir merken es!

Dann geht es für uns auch schon wieder weiter…weiter Richtung Süden entlang der berühmten Ruta 40, die mit 5301 km längste Nationalstraße Argentiniens und gleichzeitig eine der längsten Fernstraßen der Welt. Sie ist zudem Teil „unserer“ Panamericana…wir sind also genau richtig unterwegs!

Und wie wir so weiterfahren, entdecken wir plötzlich kurz vor dem 1000 Seelen-Dorf Cholila ein Hinweisschild…

Wie bitte?! Butch Cassidy? Der Ganove, der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit seinem Kumpel Sundance Kid sein Unwesen getrieben hat und uns seltsamerweise seit Beginn der Reise immer und immer wieder „über den Weg läuft“. Hier also auch?

Tatsächlich! Der amerikanische Gesetzlose Butch Cassidy, sein Partner Sundance Kid und Sundances Freundin Etta Place kauften 1901 eine Ranch in der Nähe von Cholila und lebten dort bis etwa 1905. Auf der 5.000 Hektar großen Ranch züchteten sie Schafe, Rinder und Pferde. Schließlich waren sie offenbar gezwungen, die Ranch zu verkaufen und zu fliehen, weil Ermittler aus Pinkerton ihren Aufenthaltsort entdeckten. Sie wurden allerdings von einem örtlichen Sheriff rechtzeitig darüber informiert, dass Pinkerton-Agenten sie holen würden. Auch heute noch stehen die drei Hütten, die als Wohnhaus, Stall und Heuschober dienten und können besichtigt werden. Wir können kaum glauben, dass uns dieser besagte Herr auch hier wieder „begegnet“ und halten kurzerhand an den Hütten, die über einen verlassenen Feldweg zu erreichen sind. Wir sind ganz allein und als sich die alten knarrenden Türen tatsächlich öffnen lassen, stehen wir plötzlich in den ehemaligen Wohnräumen von Butch Cassidy und Sundance Kid. Ich muss gestehen, mir läuft durchaus ein Schauer über den Rücken.

Am Abend erreichen wir den Nationalpark Los Alerces und landen auf einem Campingplatz mitten im Wald. Tags drauf nutzen wir die Gelegenheit mal wieder wandern zu gehen. Bei dieser traumhaften Landschaft macht das nämlich besonders viel Spaß. Und diese gelben und lilafarbenen Blumen…einfach ein Träumchen, sage ich Euch! Und so kommen wir vorbei an einem über 300 Jahre alten Baum, werden immer wieder vor Pumas in der Gegend gewarnt und fühlen uns landschaftlich so manches Mal an Kanada erinnert.

Am nächsten Tag geht es für uns weiter auf der Ruta 40 und damit weiter Richtung Süden. Dabei werden wir begleitet von jeder Menge Guanacos, Nandus, Flamingos und tatsächlich auch von Millionen von Heuschrecken. Letztere scheinen sich auf dem Asphalt zu wärmen. Und auch jede Menge Schlaglöcher sagen uns „Hallo“…da wissen wir die doch sonst recht guten Straßen mal wieder besonders zu schätzen. Abends erreichen wir einen Stellplatz mit Windschutz-Palisaden, denn der Wind wird tatsächlich immer heftiger je weiter wir Richtung Süden kommen. Zu dem Platz gehört auch ein kleines Häuschen mit Bad, Küche und Wohnzimmer samt Kamin. Wirklich sehr gemütlich! Aber wir haben in Sprinti ja alles, was wir brauchen und so verbringen wir einen geruhsamen Abend, während draußen der Wind über die Landschaft fegt.

Am nächsten Tag erreichen wir den kleinen und recht ausgestorbenen Ort „Tres Lagos“. Laut unserer App bekommen wir dort über Western Union Bargeld an einem Postamt. Doch wie so oft stimmen die Öffnungszeiten bei Google nicht mit den tatsächlichen überein und so stehen wir am Postamt vor verschlossener Tür…wir sind ganze 10 Minuten zu spät! Der nächste Ort mit Western Union Auszahlungsstelle befindet sich über 150 Kilometer entfernt. Aber irgendwie werden wir schon an Geld kommen!

Um unser nächstes Ziel zu erreichen, stehen unter anderem 70 Kilometer Schotterpiste auf dem Programm. Wir lassen vorsichtshalber etwas Luft von Sprintis Reifen. Es ist dabei so windig, dass es fast unmöglich ist, die Türen zu öffnen. Der Wind wirbelt zudem den ganzen Staub und Sand der Schotterpiste auf, was einem das Gefühl eines unfreiwilligen Gesichtspeelings verleiht. Rund zwei Stunden später befinden wir uns dann wieder auf geteertem Untergrund als plötzlich gleich zwei Lampen bei Sprinti aufleuchten…ESP und ABS funktionieren nicht! Laut Handbuch heißt es, wir sollen möglichst schnell eine Werkstatt aufsuchen. Oh nein, das hat uns gerade noch gefehlt…ist hier doch weit und breit nichts als Steppe…und Guanacos, die teilweise tot überm Zaun hängen, weil sie auf der Flucht vor der Straße beim Drüberspringen schlichtweg hängengeblieben sind. Und hier soll irgendwo eine Werkstatt sein? Niemals! Wir rufen also kurzerhand Milenko, unser Mechaniker in Santiago an und schildern ihm unsere Situation. Zum Glück kann er uns schnell beruhigen. Es ist schlichtweg so windig, dass die Elektronik der Autos das Geschaukel nicht ausgleichen kann und nur erkennt, dass irgendetwas mit der Stabilität nicht stimmt. Daher stellt sich das ESP und das ABS ab. Bei Sprinti ist also alles in Ordnung, die Elektronik ist aufgrund des starken Windes nur irritiert. Hört der Wind auf, funktioniert also alles wieder. Puh, also keine Werkstatt nötig und wir können weiterfahren! 🙂

Dann erreichen wir den Ort El Chaltén und stehen auf einem Campingplatz mitten im Zentrum und doch umgeben von einer beeindruckenden Berglandschaft. Hier wechselt man uns Dollar in Pesos und somit sind wir bargeldtechnisch erstmal wieder ganz gut ausgestattet. El Chaltén ist bekannt dafür Ausgangsort vieler Wanderungen zu sein, denn es liegt am Los Glaciares Nationalpark. Vielleicht habt Ihr schon mal von Cerro Torre und Fitz Roy gehört, zwei Granitberge, die hier mit ihren steil aufragenden Gipfeln die Landschaft prägen und einfach wundervoll aussehen. Sie sind Sinnbild für Patagonien und da sie auf der Grenze zwischen Chile und Argentinien liegen, nutzen beide Länder sie, um die Schönheit ihrer Heimat zu repräsentieren. Schon auf dem Weg hierher können wir die imposanten Gipfel kilometerweit erspähen…einfach beeindruckend!

Am nächsten Tag schlüpfen wir also wieder in unsere Wanderschuhe und auf geht’s! In unserer App „All Trails“ haben wir uns eine schöne Strecke herausgesucht und schrecken auch nicht davor zurück, als man uns an der Rezeption unseres Campingplatzes sagt, dass dieser Weg nicht wirklich befestigt und ebenso wenig erkennbar ist. Aber wir haben ja unsere App und damit hat es bislang immer gut funktioniert. Los geht es also! Unser erster Halt ist an einem Wasserfall, der vielen Touristen als Fotomotiv dient. Wir gehen also schnell weiter…ab jetzt geht es für uns bergauf. Ist es anfangs noch ein gut erkennbarer Pfad, verflüchtigt der sich allerdings schnell und wir laufen über Stock und Stein und finden uns letztendlich hoch oben auf dem Hang des Berges wieder…ohne Weg, aber mit viel Wind…und es ist steil…sehr steil! Ich muss zugeben, so ganz ungefährlich ist es tatsächlich nicht, wie wir hier am steilen Abhang stehen und der Wind wieder alles gibt. Aber dafür ist die Aussicht auf den Fitz Roy wirklich toll! Also schießen wir schnell ein paar Bilder bevor wir uns wieder auf den Weg zurück in die Tiefe machen.

Zurück am Campingplatz kommt uns plötzlich ein uns ziemlich bekanntes Auto entgegen…unsere Freundin Shelly mit ihrem Hund Franklin. Also heißt es abends erstmal quatschen was das Zeug hält und das in einem der leckeren Restaurants im Ort. Hach, was fein!

Am nächsten Tag steht für uns nochmal Wandern auf dem Programm, denn nach dem Fitz Roy wollen wir uns nun auch den Cerro Torre aus der Nähe anschauen. Dieses Mal allerdings nehmen wir einen Trail der auch wirklich existiert und nicht nur in unserer App aufgelistet ist. Definitiv die bessere Entscheidung und so führt uns unser Weg durch eine absolut tolle Landschaft, vorbei an Kascaden und Wasserfällen, die sich den Berg hinabstürzen. Die Sicht auf den Cerro Torre ist dann der absolute Wahnsinn…einfach herrlich, dieses Patagonien!

Dann ist es an der Zeit El Chaltén lebewohl zu sagen. Allerdings bleiben wir im Glaciares Nationalpark, denn die nächsten Highlights warten schon auf uns. Zuvor ist aber noch Tanken angesagt…die Tankstelle fällt hier allerdings ein wenig kleiner aus als sonst.

Als nächstes steht der Perito Moreno Gletscher auf unserem Programm. Er ist einer der größten Auslassgletscher des Campo de Hielo Sur, des größten Gletschergebietes der südamerikanischen Anden. Entgegen den meisten Gletschern der Region, zieht sich der Perito Moreno Gletscher nicht zurück. Wir erklimmen den Aussichtspunkt und haben eine beeindruckende Sicht auf diesen immensen Gletscher.

Wir übernachten in der nahegelegenen Stadt El Cafayate, in der es zwar eine Auszahlungsstelle von Western Union gibt, allerdings zahlt diese an Ausländer kein Geld aus. Glücklicherweise sind wir bargeldtechnisch noch gut ausgestattet. Wir stehen zwei Tage auf einem Campingplatz, ohne das wir viel unternehmen, weil Peter eine ordentliche Erkältung erwischt hat. Die Stadt El Cafayate ist in den letzten Jahren ein wenig vom Touristenansturm überrumpelt worden, wodurch eine Wasserknappheit herrscht. So gibt es erst immer ab mittags ausreichend Wasser im Ort, um sich zu duschen.

Nach zwei Tagen verlassen wir El Cafayate wieder und machen uns auf den Weg zum nächsten Nationalpark…dem Torres del Paine Nationalpark. Dieser liegt direkt an der Grenze in Chile, also heißt es erneut…Grenzübertritt. Auch das passiert wieder irgendwo im Nichts, läuft aber relativ easy ab…so gefällt uns das!

Der Torres del Paine Nationalpark gehört wie der Los Glaciares Nationalpark zu DEM Wahrzeichen Patagoniens. So handelt es sich bei dem Titelbild unseres Reiseführers ebenfalls um ein Foto genau aus diesem Nationalpark. „Torres del Paine“ bedeutet in der Sprache der Tehuelche-Indianer „Türme des blauen Himmels“ und ich kann sagen, der Name ist Programm, denn auch hier ragen drei nadelartige Granitberge, die zwischen 2600 und 2850 m hoch sind, majestätisch in den Himmel…Prädikat: Mega! Da Peter durch seine Erkältung noch ordentlich angeschlagen ist, sparen wir uns hier die Wanderungen und fahren einige Aussichtspunkte mit Sprinti an. Hatte ich schon erwähnt, dass es hier in Patagonien sehr windig ist?! Und zwar so sehr, dass auf einigen Parkplätzen Wohnmobile auf die Seite gekippt sind. Wir wollen es erst nicht glauben, bis man uns die entsprechenden Fotos zeigt. Wir schauen nun also sehr genau, wo und wie wir Sprinti parken!

Nach zwei Tagen verlassen wir den Park wieder, finden aber einen Platz in der Wildnis, an dem uns noch die Sicht auf den Torres del Paine bleibt. Und so stehen wir mutterseelenallein an einem Fluß, auf dessen gegenüberliegenden Seite eine Herde Wildpferde grast. Die Sonne geht langsam unter und verschwindet hinter den beeindruckenden Berggipfeln in der Ferne. Der Wind pfeifft und wir machen es uns mit einem heißen Tee in Sprinti gemütlich.

Tags darauf ziehen wir weiter, denn es ist kurz vor Weihnachen und wir haben ein Ziel…

…am Ende des Jahres am Ende der Welt zu sein!

Reiseberichte Argentinien Chile

Von dem höchsten Berg Amerikas, einer Erdbebenregion und deutschem Bier (#072)

31. Dezember 2023

– Viele Kilometer durch Chile und Argentinien –

Nachdem es uns im Ischigualasto Provincial Park und im Talampaya Nationalpark mit knapp 40 Grad Celsius (draußen wohlbemerkt) doch ein wenig heiß war, machen wir uns wieder auf in den etwas kälteren Süden Argentiniens. Auch hier kann sich die Landschaft wieder sehenlassen…

Dann erreichen wir die ca. 100.000 Einwohner-Stadt San Juan, die tatsächlich zu den ältesten Städten Argentiniens gehört. Sie wurde 1561/1562 von Juan Jufré in einem benachbarten Tal gegründet. 1594 wurde die Stadt allerdings wegen eines Hochwassers zum jetzigen Standpunkt verlegt. In der Kolonialzeit gehörte San Juan zeitweise zu Chile, mit der Unabhängigkeit fiel es aber endgültig an Argentinien. Traurige Bekanntschaft erhielt San Juan als 1944 ein verheerendes Erdbeben die Stadt verwüstete, 90 % der Gebäude zum Einsturz brachte und dabei 10.000 Menschen starben. Wir schlendern ein wenig durch die Stadt und besuchen dann auch das Erdbebenmuseum San Juans. Seitdem wir in Argentinien sind und auch in Teilen von Chile, bekommen wir fast täglich neue Erdbebenwarnungen aufs Handy. Teilweise sind sie nur fünf Kilometer entfernt oder erreichen eine 4 auf der Richterskala. Bisher hatten wir Glück, dass die Beben entweder weit genug in der Ferne oder ausreichend tief unter uns stattgefunden haben, so dass wir noch keine Erdbeben spüren konnten. In dem Museum gibt es auch einen Raum, in dem der Boden so wackelt und damit eine Erdbebensituation simuliert. Um eine solche Situation besser einschätzen zu können, hätten wir diesen Raum gerne besucht, allerdings ist er an diesem Tag geschlossen.