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Kanada Reiseberichte

Reifenpanne auf dem Dempster Highway (#014)

7. August 2022

Schaffen wir es bis ans Polarmeer?

Auf unserer Reise Richtung Norden erreichen wir schließlich das kleine Goldgräber-Städtchen Dawson, aber dazu zu einem anderen Zeitpunkt mehr. Dawson City ist auch Ausgangspunkt für eine Tour, bei der sich jeder Reisende fragt: „Schaffen wir das???“ Es handelt sich um den Dempster Highway (das letzte Stück nennt sich Inuvik-Tuktoyaktuk-Highway), eine 883 km lange Schotterpiste, die hoch zum Polarmeer nach Tuktoyaktuk führt. Ich rede hier nicht von einer gewöhnlichen Schotterpiste, wie wir sie vielleicht aus Deutschland kennen, sondern von einem kilometerlangen Weg, der gesät ist mit tiefen Löchern, spitzen Steinen, Schlamm, Matsch und solchen Unebenheiten, dass man das Gefühl hat, man fährt nicht in einem Auto, sondern hüpft auf einem Trampolin. Viele Reisende berichten von Unfällen, reinsten Schlitterpartien, platten Reifen (durch die Steine, die die Reifen aufschlitzen) und von kaputten Windschutzscheiben (durch entgegenkommende Fahrzeuge, insbesondere der riesen LKWs). Jene stellen die nötigste Versorgung im Norden (es gibt dort nur alle paar 100 km mal einen Ort) sicher und kommen einem gerne mit ordentlich Speed entgegen, so dass die Steine nur so fliegen. Es wird empfohlen eine „gewisse Anzahl“ an Ersatzreifen und ausreichend Lebensmittel und Wasser dabeizuhaben, wenn man den Dempster befährt. Auf der gesamten Strecke befinden sich nur drei Tankstellen (weil außer Natur ist da halt nichts) und man erhält den warnenden Hinweis, man solle tanken, wann immer es geht, falls die nächste Tankstelle evtl. geschlossen ist oder kein Benzin zur Verfügung hat. Auch sind die Kartenlesegeräte gerne mal defekt oder können keine Verbindung aufbauen. Fast während der gesamten Strecke hat man keinen Internet-, geschweige denn Handyempfang, im Notfall Hilfe zu rufen ist also gar nicht so einfach. Allerdings ist auch bekannt, dass man anhält und sich gegenseitig hilft, wenn ein Auto am Straßenrand steht.

Große Teile des Dempster Highways folgen einem alten Hundeschlittenweg. Der Highway ist nach Inspektor William John Duncan Dempster von der Royal Canadian Mounted Police benannt, einem jungen Polizisten, der mit seinen Schlittenhunden häufig den Weg zwischen Dawson City und Fort McPherson benutzte. Dempster und zwei weitere Polizisten wurden im März 1911 mit einer Rettungsmission beauftragt und sollten Inspektor Francis Joseph Fitzgerald sowie drei seiner Männer finden, da diese nie auf ihrer planmäßigen Winterpatrouille in Dawson City angekommen waren. Dempster und seine Kollegen fanden die Anfang Februar Verstorbenen schließlich nur wenige Meilen von Fort McPherson entfernt und beerdigten sie letztendlich auch dort.

1958 fällte die kanadische Regierung den Entscheid, eine 671 km lange Straße durch die arktische Wildnis von Dawson City nach Inuvik zu bauen. Es wurden große Öl- und Gasvorkommen im Mackenziedelta gefunden, und das Örtchen Inuvik befand sich gerade im Aufbau. Am 17. August 1959 ließ die kanadische Regierung verlauten, dass man Ölvorkommen in den Eagle Plains gefunden habe, und vergab Konzessionen an die Ölindustrie, um noch größere Vorkommen in der Region zu entdecken. Man hat bemerkt, dass ein Highway über den Polarkreis nötig war, um Material und Infrastruktur zu den Ölvorkommen transportieren zu können.

2017 wurde nun der letzte Abschnitt zwischen Inuvik und Tuktoyaktuk fertiggestellt (wenn man das „fertig“ überhaupt nennen kann) und so ist es möglich von Kanada aus das arktische Polarmeer zu erreichen.

Aufgrund all dieser Gegebenheiten und auch weil Sprinti weder einen 4×4-Antrieb noch All-Terrain-Reifen hat, haben Peter und ich echt hin und her überlegt, ob wir uns diese Fahrt zutrauen können…schließlich waren die 883 km ja nur der Hinweg und die Wetterprognosen waren jetzt auch nicht so optimal! Wir besuchen das spezielle Visitor Center und treffen auf Dawn, eine sehr freundliche und lustige Inuit-Dame mittleren Alters, die uns offen und ehrlich von den Bedingungen des Highways erzählt und uns aber auch ermutigt.

Alles klar, wir machen’s!

Benzin- und Wassertank sind proppevoll, ebenso unser Kühlschrank und die Lebensmittelvorräte. Ersatzreifen, Reifenkompressor, Windschutzscheiben-Kit…wir haben alles dabei! Also auf geht’s Sprinti!

Da es zuvor noch einiges zu erledigen gibt, starten wir den Dempster Highway erst nachmittags, schaffen aber an Tag 1 schon einige Kilometer, weil es nachts ja nicht dunkel wird und wir somit bis in die späten Abenstunden fahren können. Die Straße hat es tatsächlich in sich und teilweise können wir uns nur im Schneckentempo fortbewegen. Bei all diesen Löchern, Huckeln, Steinen, Schlamm und widrigen Verhältnissen hoffen wir echt, dass Sprinti das heil übersteht. Aber Tag 1 klappt soweit ganz gut und wir sind happy (auch wenn Sprinti dreckmäßig aussieht wie ein echtes Expeditionsfahrzeug)! Außerdem gibt es trotz einiger Wolken wieder eine tolle Landschaft (z.T. borealer Nadelwald und die Tundra) zu bestaunen. Wir finden auf einem Berg in den Wolken einen schönen Stellplatz und verbringen dort die erste Nacht. Als wir am nächsten Morgen aufwachen, sind die Wolken quasi verschwunden bzw. in das Tal „gerutscht“, die Sonne scheint herrlich und vor uns liegt eine atemberaubende Aussicht.

Dann geht es für uns weiter…durch unendliche Landschaft, die sich aber immer wieder ändert und uns auf dem ganzen Weg fasziniert. Bis auf eine Hand voll anderen Reisenden, wenigen LKW-Fahrern und ein paar Bauarbeitern (die entlang der gesamten Strecke doch tatsächlich Glasfaser in den Norden verlegen…das hätten wir uns zu Homeoffice-Zeiten in Düsseldorf auch so manches Mal gewünscht), treffen wir auf keine Menschenseele. Nach 365 km erreichen wir den „Ort“ (Eagle Plains)…der hat sage und schreibe 8 Einwohner und ist die erste „Menschenansammlung“ nach hunderten von Kilometern. Dort liegt auch die erste Tankstelle auf unserer Route und man fühlt sich dort wie um 50 Jahre zurückversetzt…mindestens! Nicht nur wir bekommen unser Benzin dort, sondern auch der Hubschrauber, der neben uns an der Tanke landet…ja so läuft das hier!

Nach 401 km erreichen wir unser erstes Etappenziel: den Polarkreis (Arctic Circle)!

KURZE ZEIT SPÄTER DANN DAS…

Durch die spitzen Steine auf der Straße haben wir einen ordentlichen Riss im Reifen, den es auch mit unserem Repair-Kit nicht zu reparieren gilt. Zum Glück bekommen wir den Reifen aber schnell gewechselt und können weiterfahren, in der Hoffnung in Fort MacPherson (der nächsten Ort auf der Route und immerhin 103 km entfernt) den Reifen geflickt zu bekommen. Aber Pustekuchen! Das einzige, was wir dort antreffen ist ein verlassenes Reifenlager…ohne eine Menschenseele. Also fahren wir unverrichteter Dinge weiter und das bedeutet, wir müssen die 287 km bis Inuvik ohne Zwischenfall überstehen, ansonsten haben wir ein Problem! In Vorbereitung auf den Dempster Highway haben wir auch von Reisenden gehört, die sich über hunderte Kilometer haben abschleppen lassen müssen, was sie letztendlich über 1000€ gekostet hat. Also heißt es Daumen drücken, dass die Reifen halten und Sprinti weiter gut mitmacht!

Weiter geht unsere Fahrt über Stock und Stein, Loch und Huckel, Matsch und Staub…und das sieht man den Fahrzeugen auch an…nicht nur Sprinti. Auf dieser Strecke ist tatsächlich alles ein wenig anders…hier landen kleine Propeller-Flugzeuge im Notfall auch direkt auf der Straße, weil die Straße auch gleich die Landebahn ist.

An diesem Tag erreichen wir noch den Staat Nordwest-Territorien, wechseln wieder in eine andere Zeitzone und lassen uns an zwei Flüssen (Peel River und Mackenzie River) mit einer Fähre, mit zum Teil waghalsigen Anlegemanövern, übersetzen. Mit 4240 Kilometern ist der Mackenzie River übrigens der längste Fluss Kanadas, das zweitlängste Flusssystem in ganz Nordamerika und der zwölftlängste Fluss in der ganzen Welt. Dieses „Flüßchen“ begleitet uns auf unserer Reise nun schon eine ganze Weile.

Wir schaffen es an dem Abend tatsächlich unversehrt bis nach Inuvik. Inuvik ist mit „nur“ etwa 3200 Einwohnern die größte Stadt in Kanada nördlich des Polarkreises. Es leben hier viele Hinzugezogene europäischer Herkunft, während die einheimischen Inuit („Eskimos“) mittlerweile in der Stadt die Minderheit bilden. Man merkt auch hier schon, dass die Menschen mit anderen Gegebenheiten zu tun haben und unter anderen Widrigkeiten ihren Alltag gestalten müssen. Hier herrscht absoluter Winter von Ende September bis Ende April mit ca. -30 °C. Von Juni bis August scheint für 56 Tage die Mitternachtssonne, d.h. es wird nicht dunkel, während im Winter die Sonne für mehrere Wochen nicht aufgeht. Die Temperatur beträgt im Jahresdurchschnitt −10 °C, wobei im Sommer maximal 31°, im Winter aber auch schon −57 °C gemessen wurden. Der Boden in dieser Gegend besteht aus Permafrost. Als Permafrost bezeichnet die  Geowissenschaft einen Untergrund, dessen Temperatur für mindestens zwei Jahre ununterbrochen unter 0 °C liegt. Daher ist es eben auch nicht möglich vernünftige Straßen zu bauen, weil spätestens im Winter alles kaputtfriert.

Hier in Inuvik übernachten wir auf einem Parkplatz mitten im Ort und machen uns am nächsten Morgen schon früh auf zum ortsansässigen Reifenhändler, der uns auch wieder direkt behilflich ist. Schnell ist unser kaputter Reifen wieder geflickt und wir können weiter…noch 152 km bis Tuktoyaktuk…unsere letzte Etappe bis zum Polarmeer!

Und dann ist es soweit…nach zwei Tagen Fahrt auf Straßen, die Peter und ich beide so noch nicht erlebt haben, sind wir nach 883 km endlich am Ziel…der arktische Ozean…der nördlichste Punkt auf unserer gesamten Reise! Yippieh!

Und wenn wir schon einmal hier sind, müssen wir natürlich auch mal die Füße ins Wasser halten…

Auch in Tuktoyaktuk, was so viel heißt wie „sieht aus wie ein großes Karibu“, merken wir, wie die rund 890 Einwohner in einer ganz anderen Welt leben als wir Europäer. Es handelt sich zum Großteil um Eskimos (hier in Kanada bevorzugen sie den Begriff „Inuit“), deren Alltag daraus besteht, an diesem verlassenen Ort unter jenen klimatischen Bedingungen klarzukommen…hier leben schließlich auch Eisbären! Die Menschen leben hier vom Fellhandel und Walfang, sowie von der Robben- und Karibu-Jagd, um sich ernähren zu können. Die Häuser und Hütten sind klein und die Fenster meist mikrig oder mit Thermomatten abgehängt, um die Wärme im Haus zu behalten. Die Häuser sind auch auf Stelzen gebaut, weil die Wärme derer den Permafrost-Boden schmelzen und das Haus absinken lassen würde. Sich hier ein Heim zu bauen ist teuer, weil alle Materialien aus dem Süden erst einmal herangeschafft werden müssen. Auch scheinen für uns „normale“ Dinge der Infrastruktur wie Müll- oder Abwasserentsorgung schwierig zu sein, wie wir am Eingang des Ortes feststellen. Schon viele Kilometer vor Tuktoyaktuk (kurz Tuk) haben wir immer wieder viele Schlitten und Schneemobile auf den Feldern und am Straßenrand stehen gesehen. Die sind da bereits für den Winter positioniert, um sie für die Jagd zu nutzen. Anders wäre ein Durchkommen durch die Schneemassen nicht möglich. Auch fallen uns vor Tuk mehrere Erdhügel auf, sogenannte Pingos. Ein Pingo  ist ein im Permafrost entstandener Erdhügel und das Innere des Hügels besteht aus einem Eiskern. In der Umgebung von Tuktoyaktuk gibt es etwa 1350 Pingos, ein Viertel aller auf der Erde vorkommenden.

In Vorbereitung auf diese Reise und auch für den Ausbau des Sprinters haben wir uns unter anderem sehr viele Ideen und Hilfen aus dem Internet besorgt, z.B. auch anhand von YouTube-Videos. So stößt man dann auch automatisch auf viele andere Reisende, die ähnliche Pläne haben. So sind wir auch auf den YouTube-Kanal von „Chirpy Travellers“ gekommen, die ihr Fahrzeug auch von Hamburg nach Halifax verschifft haben und seitdem durch Kanada reisen. Und wie der Zufall es so will, fährt da doch glatt ein uns bekanntes Fahrzeug vor, als wir gerade oben am Polarmeer stehen…die Chirpy Travellers, die wir sonst nur aus ihren Videos kennen. Viele Grüße, falls Ihr das gerade lest. Wir unterhalten uns kurz und dann heißt es für uns auch schon wieder den Rückweg anzutreten, schließlich liegen erneut 883 km Schotterpiste vor uns. Also los geht’s!

Gezwungenermaßen müssen wir allerdings wieder in Inuvik einen Zwischenstop einlegen…dieses Mal allerdings nicht zum Reifen flicken, sondern weil uns bzw. unsere Windschutzscheibe erneut ein Steinschlag erwischt hat. Und zwar als uns auf dem Rückweg ein LKW mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommt (die meisten bremsen vorher ab, so wie wir auch und wenn beide weit rechts rüber fahren funktioniert es meist auch). Unten links ist auf unserer Scheibe ein kleines Loch zu sehen, davon aus geht allerdings ein Riss, der schon im Laufe der nächsten Kilometer immer länger wird…wir sind uns sicher, das hält keine 750 km Buckelpiste mehr aus. Mal ganz davon abgesehen, sieht man hier kein Auto, was nicht mindestens einen Riss über die komplette Scheibe hat. Also Zwischenstop in Inuvik! In einer Werkstatt hören wir, dass sie keine Scheibenreparaturen durchführen würden (obwohl es auf deren Homepage steht), wir sollen uns an Bobby Ross wenden…seine Telefonnummer stünde bei Facebook. Also kontaktieren wir Bobby Ross und fahren zu ihm nach Hause. Und zwanzig Minuten später kommt auch Bobby Ross angefahren, auf seinem Auto prankt der Schriftzug „Bobby Ross Cleaning“. Bobby macht also auch noch in Reinigungsunternehmen. Im Gespräch erfahren wir, wie es ist, hier oben zu leben und dass da oft ein Job nicht ausreicht, um sich über Wasser zu halten. Bobby Ross ist ein total freundlicher und hilfsbereiter, Mittfünfziger, der den Gwich’in, einer indianischen Stammesgruppe, angehört. Mit viel Geduld und akorater Arbeit kümmert er sich um unsere Scheibe…während wir von Mücken zerstochen und von Black Flies gebissen werden. Nach ca. 2,5 Stunden können wir weiter. Wer auf dem Dempster Highway mal eine defekte Scheibe hat, wende sich gerne an Bobby Ross (Bobby Ross Facebook) und bestelle ihm liebe Grüße von uns!

Den restlichen Rückweg bestreiten wir ohne weitere Blessuren. Wir kommen noch durch Nebel und Regen, entdecken einen Elefanten (wer entdeckt ihn noch?), nutzen um Mitternacht die Fähren zum Übersetzen (es ist ja noch hell) und werden im Bett ganz schön durchgerüttelt als der Wind ordentlich draußen pfeifft und Sprinti zum Wackeln bringt. Und dann strahlt uns am nächsten Tag auch schon wieder die Sonne entgegen und wir genießen die wundervolle Natur (…und die Glasfaserbaustellen sind auch noch da).

Und dann ist es vollbracht! Nach 1766 km und über 60 Mückenstichen (plus die von Peter) haben wir ihn bezwungen…den Dempster Highway! Was ein Abenteuer! Wir haben teilweise Blut und Wasser geschwitzt, aber mit Geduld und Vorsicht hat es geklappt…und wer weiß welche Strecken auf der Reise noch so auf uns warten…?!

Und was wir und Sprinti nun als allererstes brauchen, ist eine Dusche!

Und als ich am nächsten Tag Dawn im Visitor Center besuche und ihr mitteile, dass wir es geschafft haben, verschwindet sie einen Augenblick und kommt kurze Zeit später mit einem Schriftstück in der Hand zurück, das sie uns dann feierlich überreicht…unser Zertifikat als ehrenhafte Bezwinger des Dempster Highways! Und sie macht das so liebevoll, dass es einem tatsächlich ganz warm ums Herz wird.

Für Peter soll dies aber nicht das einzige Zertifikat an diesem Tag gewesen sein, aber darüber erfahrt Ihr dann beim nächsten Mal mehr…

Macht’s gut und fahrt schön vorsichtig!